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Inter­view (tran­skri­biert) mit Rai­ner Sima­der (RS) aus Wien,  Phy­sio­the­ra­peut und Autor
Fra­gende: Mar­lis Lamers (ML), Kom­mu­ni­ka­tion Wortlos

Mein Name ist Rai­ner Sima­der, ich bin Phy­sio­the­ra­peut und bin viele Jahre im Kon­text der Hos­piz- und Pal­lia­tiv­ver­sor­gung als The­ra­peut tätig gewesen.

Dort habe ich prak­tisch als kli­nisch täti­ger The­ra­peut gear­bei­tet, habe viel unter­rich­tet, habe zu dem Thema publi­ziert und freue mich sehr über span­nende Fra­gen zu dem Thema.

ML: Was kann Phy­sio­the­ra­pie noch bei einem schwerst­kran­ken viel­leicht fina­len Men­schen erreichen?

RS: Das ist tat­säch­lich eine häu­fige Frage, die mir gestellt wird, weil viele Men­schen mit Phy­sio­the­ra­pie ja nicht unbe­dingt das Lebens­ende assoziieren.

Wir alle ken­nen Phy­sio­the­ra­pie, wenn der Rücken schmerzt, wenn die Schul­ter weh tut, wenn wir ein­mal eine Knie­ope­ra­tion gehabt haben. Das sind so die ers­ten  Asso­zia­tio­nen mit Phy­sio­the­ra­pie. Und das ist natür­lich auch eine berech­tigte Assoziation..

Wenn wir uns aber anse­hen, was Lebens­qua­li­tät am Lebens­ende aus­macht, und da kön­nen wir auch viele Stu­dien dazu her­an­zie­hen, dann ist das zum einen, dass Men­schen dann eine gute Lebens­qua­li­tät haben, wenn die Sym­ptome gut kon­trol­liert sind.

Aber was auch als ein ganz wesent­li­cher Fak­tor zur Lebens­qua­li­tät am Lebens­ende bei­trägt, und das ist tat­säch­lich auch eine häu­fig geäu­ßerte Sorge von Men­schen, die sich so im Pro­zess zum Lebens­ende befin­den, dass die Selbst­stän­dig­keit, also auch die kör­per­li­che Selbst­stän­dig­keit, redu­ziert wird. Dass auch die Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens nicht mehr selbst­stän­dig gemacht wer­den kön­nen, ange­fan­gen von selbst­stän­dig ein­kau­fen zu gehen bis hin zu selbst­stän­dig auf die Toi­lette zu gehen und natür­lich auch in dem Kon­text der Par­ti­zi­pa­tion also der sozia­len Teil­habe gibt’s hier viele Ängste und auch Wün­sche und Bedürf­nisse und auch da brau­che ich gewisse kör­per­li­che Fähig­kei­ten und Funk­tio­nen, um auch sozial teil­ha­ben zu kön­nen in den letz­ten Phase des Lebens.

Hier ist die Auf­gabe der Phy­sio­the­ra­pie recht klar beschrie­ben: wir kön­nen mit, und das heißt in der Fach­spra­che non­phar­ma­ko­lo­gi­sche Inter­ven­tio­nen, also alles, was nicht mit  Medi­ka­men­ten zu tun hat, eini­ges dazu bei­tra­gen, dass tat­säch­lich Sym­ptome gelin­dert wer­den.

Atem­not, Angst und Schmerzen

Ein gro­ßes Thema in der Pal­lia­tiv­ver­sor­gung ist das Thema Atem­not.

Wir wis­sen aus Stu­dien, dass die nicht medi­ka­men­töse The­ra­pie der Atem­not gerade in  Kom­bi­na­tion mit Angst teil­weise den phar­ma­ko­lo­gi­schen Inter­ven­tio­nen gegen­über deut­lich bes­ser funktioniert.

Auch ein gro­ßes Thema ist Schmerz.

Wenn ein gro­ßer Tumor­schmerz vor­han­den ist, natür­lich ist da Mor­phin die erste Wahl und es ist ganz not­wen­dig, aber es geht auch nicht nur um Tumor­schmer­zen am Lebens­ende. Wenn wir uns anse­hen, dass Bewe­gung ein sehr guter hei­len­der Mecha­nis­mus bei Schmerz ist, wird auch hier klar, dass eine gewisse Gelenk­be­weg­lich­keit und all­ge­meine Akti­vi­tä­ten des Kör­pers häu­fig dazu bei­tra­gen, dass das Schmerz­ni­veau gerin­ger wird. 

Wei­tere behan­del­bare Symptome

Zum Bei­spiel Ödeme ent­ste­hen häu­fig, dann behan­delt man die über manu­elle Lymph­drai­nage. Auch Ver­stop­fung (Obs­ti­pa­tion) ist ein häu­fi­ges Sym­ptom am Lebens­ende aus unter­schied­li­chen Grün­den, nicht nur wegen der Mor­phine,  son­dern auch, weil die Men­schen sich weni­ger bewe­gen, weil die Ernäh­rung sich ver­än­dert. Hier ist über Bewe­gung oder Mas­sa­ge­tech­ni­ken Lin­de­rung zu erreichen. 

Oder das häu­figste Sym­ptom am Lebens­ende ist die soge­nannte Fati­gue, also die chro­ni­sche Müdig­keit oder Erschöp­fung. Hier sagt die Lite­ra­tur ein­deu­tig, dass ein höhe­res Akti­vi­täts­ni­veau also mehr Bewe­gung im Rah­men des­sen was mög­lich ist, bei Men­schen, die am Lebens­ende sind, die ein­zige wirk­lich wirk­same Methode ist, die­ses Müdig­keits- und Erschöp­fungs­syn­drom am Ende des Lebens gut zu beeinflussen.

Schmerz­ge­dächt­nis und Angstvermeidungsverhalten

ML: Die­ser Zusam­men­hang ist mir tat­säch­lich neu.

Ich wusste das Bewe­gung hilft ja, bei Schmer­zen ist das sehr ein­leuch­tend, weil wir ja auch ein Schmerz­ge­dächt­nis haben und die­ses wird direkt an getrig­gert durch ver­schie­dene Boten­stoffe und ver­schie­dene Hand­lun­gen von der ande­ren Seite und wenn man das eben durch Bewe­gung oder  ziel­ge­rich­tete Inter­ven­tion ein biss­chen beein­flus­sen kann, das man dann weni­ger Schmer­zen emp­fin­det, das ist verständlich. 

RS: Was da noch dazu zu sagen ist, einer­seits ist es das Schmerz­ge­dächt­nis, aber ande­rer­seits gibt es häu­fig am Lebens­ende ein soge­nann­tes Angst­ver­mei­dungs­ver­hal­ten.  Das heißt, Men­schen am Lebens­ende haben ganz häu­fig Angst und zwar große Angst, dass durch Akti­vi­tät die Situa­tion, in der sie sind schlech­ter wird und des­we­gen ver­mei­den sie Bewe­gung.

Das ist eine sehr unbe­grün­dete Angst. Ganz viele Men­schen hören am Lebens­ende: „Ruh dich aus, schon dich“, das för­dert einen ganz gefähr­li­chen Teu­fels­kreis­lauf durch den Men­schen am Lebens­ende durch immer weni­ger Bewe­gung tat­säch­lich in ihrer Selbst­stän­dig­keit, in ihrer Auto­no­mie immer mehr ein­ge­schränkt sind.

Die Lite­ra­tur zeigt ein­deu­tig, dass Men­schen mit einem gerin­gen Funk­ti­ons­ni­veau in der Regel höhere Sym­ptome haben und an die­ser Stelle brau­chen wir tat­säch­lich nicht nur Phy­sio­the­ra­peu­ten und The­ra­peu­ten, son­dern das gesamte mul­ti­pro­fes­sio­nelle Team, damit wir es schaf­fen, Men­schen so viel Ver­trauen in ihren Kör­per zu geben, dass vie­les noch mög­lich ist.

Übung bis zum letz­ten Atemzug

Wir haben häu­fig in der Hos­piz- und Pal­lia­tiv­ver­sor­gung erlebt, dass Pati­en­ten in einem Zustand zu uns gekom­men sind, den wir Dekon­di­tio­nie­rung nen­nen. Kraft und Aus­dauer waren eigent­lich ganz weg, aber die gute Nach­richt ist, dass Pati­en­ten und Pati­en­tin­nen auch am Lebens­ende bis zuletzt wirk­lich trai­nie­ren kön­nen. Das heißt der Kör­per hat Reser­ven, aber da braucht es ziel­ge­rich­tete Anlei­tung damit diese Reser­ven wie­der her­aus gekit­zelt wer­den kön­nen. Und Pati­en­ten kön­nen ihren Zustand bis zum Lebens­ende sehr gut ver­bes­sern, auch was kör­per­li­che Funk­tion betrifft.

Akzep­tanz der Phy­sio­the­ra­pie auf bei­den Seiten

ML: Wie groß ist denn, aus dei­ner Erfah­rung, die Akzep­tanz des Pati­en­ten und auch des ver­schrei­ben­den Arz­tes oder des Ärz­te­teams, noch ein­mal eine Phy­sio­the­ra­pie zu ver­schrei­ben im Zustand der pal­lia­ti­ven Ver­sor­gung? Bei mei­ner pfle­ge­be­dürf­ti­gen Mut­ter soll­ten wir immer für Scho­nung und Ruhe sorgen.

RS: Da hat sich, in den letz­ten Jah­ren schon viel getan.

Das, was du  aus der Erfah­rung der Pflege dei­ner Mut­ter gesagt hast, war tat­säch­lich lange Zeit so ein Stück die Grund­hal­tung. Und das war frü­her auch wis­sen­schaft­li­che Mei­nung, aber nur die Mei­nung eben, dass Bewe­gung gefähr­lich ist und man da viel falsch machen kann.

Das ist in der Wis­sen­schaft mitt­ler­weile deut­lich revi­diert wor­den und es gibt hier unter­schied­li­che Herangehensweisen.

Aus der Erfah­rung kann ich sagen, dass es gerade im Hos­piz- und Pal­lia­tiv­be­reich, in der spe­zia­li­sier­ten Ver­sor­gung, eine große Bereit­schaft gibt und es gibt auch viele Phy­sio­the­ra­peu­ten aber auch Ergo­the­ra­peu­ten, die in die­sem Feld arbei­ten und ihren Platz gefun­den haben.

Hier ist auch in der Ärz­te­schaft mitt­ler­weile eine grö­ßere Bereit­schaft als früher. 

Aber da ist sicher noch Luft nach oben.

Auf­klä­rung gehört zur Arbeit eines Physiotherapeuten

Auf Seite der Pati­en­ten und Ange­hö­ri­gen ist es häu­fig tat­säch­lich so, das wie ein­gangs gesagt, die Asso­zia­tion mit Phy­sio­the­ra­pie häu­fig die ist, das es nicht unbe­dingt mit Pal­lia­tiv­ver­sor­gung ver­bun­den ist, son­dern da kom­men eher Erfah­run­gen hoch: „Ich hatte ja frü­her mal einen Kreuz­band­riss oder Rücken­schmer­zen und da musste ich ganz viel trainieren.“

Das ist natür­lich etwas, was in der neuen Lebens­wirk­lich­keit von Pal­lia­tiv­pa­ti­en­ten nicht so gut inte­griert wer­den kann und es ist tat­säch­lich einer mei­ner ers­ten Auf­ga­ben, wenn ich mit Pati­en­ten oder auch den Ange­hö­ri­gen arbei­ten soll, ganz viel zu erklären.

Wie wirkt eigent­lich Bewe­gung? Wie wir­ken pas­sive Maß­nah­men, die ich machen kann? Wie Mas­sa­gen, wie Lymph­drai­na­gen, auch  Entspannungstraining?

Wie wirkt sich das auf das Wohl­be­fin­den und  auf die Lebens­qua­li­tät aus?

Wenn diese Brü­cke geschaf­fen wor­den ist, wenn wir vom Glei­chen spre­chen, dann hat die Phy­sio­the­ra­pie in der Regel eine sehr hohe Akzep­tanz, weil man oft sehr schnell merkt, dass Dinge auch bes­ser werden.

Lebens­ende in einer berüh­rungs­ar­men Umgebung

Ich möchte da nur ein Bei­spiel anfüh­ren, es ist das Thema Berüh­rung.

Wir alle wis­sen, dass wir Phy­sio­the­ra­peu­ten sehr viel mit Berüh­rung arbeiten.

Das kön­nen Mas­sa­ge­tech­ni­ken sein oder wir berüh­ren bei Kor­rek­tur von ange­lei­te­ten Übun­gen. Das ist oft eine ganz andere Form der Berüh­rung, als die, die am Lebens­ende stattfindet.

Die viel­schich­ti­gen Ebe­nen der Physiotherapie

Wir wis­sen prin­zi­pi­ell, dass  Men­schen am Lebens­ende in einer sehr berüh­rungs­ar­men Umge­bung sind und wenn sie berührt wer­den, ist es häu­fig sehr funk­tio­nal zum Bei­spiel bei der Kör­per­pflege: da wird man gewa­schen, da wird man positioniert,

Gerade wir in der Phy­sio­the­ra­pie haben oft mehr Zeit, wir sind da viel­leicht eine halbe Stunde, manch­mal auch eine drei­vier­tel Stunde mit dem Pati­en­ten zu Gange und da erlebe ich häu­fig, das Berüh­rung auch berührt und Bewe­gung auch bewegt

Das ist glaube ich etwas, was in der Phy­sio­the­ra­pie, auch wenn es nicht auf dem Rezept steht, eine große Wir­kung hat und viel kata­ly­siert, was am Lebens­ende auch noch not­wen­dig ist. Auch auf einer psy­chi­schen, auf einer emo­tio­na­len, auf einer sozia­len, manch­mal auch auf einer spi­ri­tu­el­len Ebene, die wir nicht ver­ges­sen sollten.

ML: Danke, lie­ber Rai­ner, für diese Ein­bli­cke in das Feld der Phy­sio­the­ra­pie und Dei­nen wun­der­vol­len Merk­satz: Berüh­rung berührt – Bewe­gung bewegt.

Kon­takt Rai­ner Sima­der:    
www.rainer-simader.com

Marlis Lamers - Kommunikation Wortlos

Als Gefühls­dol­met­sche­rin ist es mir wich­tig zu reden, wo andere schwei­gen. The­men wie Sexua­li­tät in der Pflege, Ekel und Scham dür­fen kein Tabu blei­ben! “Die Angst zeigt den Weg!” ist einer mei­ner Maximen. 

Mit Mut und Hal­tung fin­den wir eine Mög­lich­keit, diese The­men auch in Ihren Ein­rich­tun­gen wert­schät­zend und mit Weit­blick zu behandeln.