Bild: Brief TPHeinz, Pixabay
Worte triggern
Sie öffnete am Samstag den Briefkasten und fischte einen neutralen Briefumschlag heraus, Absender Frauenarztpraxis XXX. Verwundert und mit klopfendem Herzen öffnete sie den Umschlag. Unterzeichnende war eine Ärztin der Gemeinschaftspraxis, nicht ihre behandelnde Ärztin. Sie hatte vor drei Monaten eine Krebsvorsorgeuntersuchung machen lassen und wunderte sich über die späte Reaktion. Nüchtern wurde sie aufgefordert, sich für einen neuen Termin mit der Praxis in Verbindung zu setzen, da die Zytologie Auffälligkeiten ergeben habe. Wumm! Dieser nüchterne Satz saß! Sofort sprang das Kopfkino an, zeigten sich Horrorszenarien von schlimmer Krebserkrankung, frühem Tod und den Gedanken, sie habe doch noch so viel vor.
Fehlende Kommunikation
Im nächsten Moment sammelte sie sich und versuchte sich zu beruhigen. Im Telefonat mit ihrer Freundin sprach sie ihre Ängste und die seltsame Formulierung an. Warum hatte man sie nicht angerufen? Warum setzte sich nicht ihre Ärztin mit ihr in Verbindung? Wieso musste eine solche Nachricht am Wochenende ankommen, wo sie keine Reaktionsmöglichkeit hatte?
Nach der ersten Aufregung beschloss sie, sich so gut es ging abzulenken. Ein langer Spaziergang und ein Kaffee bei der Freundin ließen sie ruhiger werden. Sie erinnerte sich an eine Fortbildung zum Thema Resilienz und machte einige Übungen daraus. Schrieb sich alle Szenarien auf, sowohl die guten als auch die schlechten, machte Atemübungen und nutzte beruhigende Öle. Ein langes Bad tat ihr besonders gut.
Fehlende Absprachen der Diagnoseweiterleitung
Am Montag war sie die erste Patientin in der Praxis, aufgeregt, mit unterdrücktem Ärger und zitternden Händen. Die freundliche Sprechstundenhilfe hörte sich ihre Schilderung an und zeigte viel Empathie. Unverzüglich ging sie zu der anwesenden Ärztin, die ebenfalls sofort reagierte. Im Behandlungszimmer erklärte sie ihr deutlich den Befund. Es war keine Veränderung des Zellgewebes, sondern ein Virus, der bei dem letzten Abstrich vor drei Jahren noch nicht nachzuweisen war. Sie entschuldigte sich mehrfach bei der Patientin. Die Kommunikationskanäle seien so nicht mit den Mitarbeiterinnen abgesprochen worden. Es sei üblich, dass die behandelnde Ärztin die Patientin telefonisch informiere, damit Nachfragen gleich geklärt werden können. Leider habe sie keinen Einfluss auf die Zustellung der Post, aber zukünftig wolle man versuchen, solche Benachrichtigungen bis Mittwochs abzuschicken.
Dem Trauma entgegenwirken
Immer wieder hören wir von solchen groben Kommunikationsfehlern. Niemand macht sich Gedanken, was es in den Patienten*innen auslöst, mit solchen Nachrichten über das Wochenende alleine gelassen zu werden! Es ist an der Zeit, Achtsamkeit und Empathie in den Praxen und bei den Ärzten zu wecken. Manchmal verlieren sie den Blick für den Menschen hinter der Diagnose.
Mein Tipp: Reden Sie mit Ihrem Arzt, ihrer Ärztin darüber. Machen Sie sie aufmerksam für die Nöte der Erkrankten. Oft sind nur kleine Änderungen im Praxisablauf nötig, damit solche traumatischen Vorfälle nicht mehr geschehen.

Als Gefühlsdolmetscherin ist es mir wichtig zu reden, wo andere schweigen. Themen wie Sexualität in der Pflege, Ekel und Scham dürfen kein Tabu bleiben! “Die Angst zeigt den Weg!” ist einer meiner Maximen.
Mit Mut und Haltung finden wir eine Möglichkeit, diese Themen auch in Ihren Einrichtungen wertschätzend und mit Weitblick zu behandeln.
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